Humanoide Roboter sollen in sechs Monaten an der Front kämpfen: Diese Frist nannte Ex-Verteidigungsminister Fedorow am 26. September in Lwiw. Im Startvideo der «Armee der Roboter» ist allerdings keine einzige echte Maschine zu sehen, alle Geräte sind KI-Renderings. Drei Wochen zuvor endeten in Genf die UNO-Gespräche über autonome Waffensysteme ohne verbindlichen Vertrag.
Symbolbild · KI-generiertMychajlo Fedorow hat am 26. September an der IT Arena in Lwiw die «Armee der Roboter» ausgerufen und gleich eine Frist mitgeliefert: In sechs Monaten soll ein humanoider Roboter den ersten russischen Soldaten töten, in zwölf Monaten eine Stellung ohne einen einzigen Infanteristen genommen werden. Im Startvideo ist allerdings keine einzige echte Maschine zu sehen. Der Humanoid mit der Nummer 0427, die Vierbeiner, das Kettenfahrzeug: alles KI-Renderings.
Fedorow war bis Juli Verteidigungsminister und rief 2022 die «Armee der Drohnen» aus, aus der über 700 Hersteller wurden. Seine Fristen nimmt die Branche deshalb ernst. Drei Wochen davor endeten in Genf die UNO-Gespräche über autonome Waffensysteme, ohne verbindlichen Vertrag.
Die reale Bilanz der ukrainischen Bodenroboter liest sich nüchterner, und sie ist trotzdem beachtlich. Von Januar bis Anfang September absolvierten unbemannte Bodenfahrzeuge rund 112'000 Einsätze, erhoben über das Lagesystem DELTA und veröffentlicht vom Verteidigungsministerium am 7. September. Im Januar waren es 7511, im August 25'143, gut dreimal so viele. Der Löwenanteil ist Logistik und Verwundetentransport: Munition vor, Verletzte zurück, auf Strecken, auf denen ein Fahrzeug mit Menschen an Bord innert Minuten von einer Drohne gefunden wird. Bewaffnete Varianten sind im Einsatz, etwa der Droid TW-12.7 mit schwerem Maschinengewehr. Was in dieser Statistik nirgends auftaucht, ist ein laufender Humanoid.
Dass ausgerechnet die Beine fehlen, hat wenig mit Software zu tun. Wer über aufgeweichte Ackerböden, durch Trichter und über verminte Feldwege zwanzig Kilo Munition bewegen will, nimmt Ketten oder Räder, weil die schlicht funktionieren und weil ein umgekipptes Gerät am Boden liegen bleibt. Dazu kommt die Funkstrecke. Gestört wird an dieser Front alles, und ein Zweibeiner, der die Balance über eine Datenverbindung hält, fällt beim ersten Aussetzer. Genau diese Nachteile sind der Grund, warum auch zivile Hersteller wie Hexagon oder Wandercraft ihre Humanoiden auf Räder stellen. In der Ukraine kommt dazu, dass Bodenroboter als Verbrauchsmaterial kalkuliert werden. Ein Gerät für 3000 Dollar, das drei Fahrten schafft, ist einem für 80'000 überlegen, das dreissig schaffen müsste, um sich zu rechnen.
Die «Armee der Roboter» ist denn auch kein Gerät, sondern eine Struktur. Fedorow beschreibt ein Ökosystem: Beteiligungen an Defencetech-Firmen, eigene Entwicklung, Tests mit Einheiten an der Front, schnelle Beschaffung dessen, was sich bewährt. Gesucht werden Ingenieurinnen, Firmen, Mitinvestoren und ein technischer Leiter. Das Geld kommt aus einem Fonds, den er im August in den USA angekündigt hat; als erster Lead-Investor seiner eigenen Defencetech-Firma wurde Anfang September Palantir-Chef Alex Karp genannt. Dazu gehört TrophyLab, seit Juni eine Art Werkstatt, in der erbeutete russische Technik auseinandergenommen und nachgebaut wird. Die «Armee der Drohnen» begann 2022 ebenfalls als Slogan mit Spendenkonto. Heute gehen nach ukrainischen Angaben über 95 Prozent der Treffer auf Drohnen zurück.
Der Termin, den Fedorow gesetzt hat, fällt in eine Regelungslücke, und die wurde diesen Monat in Genf zementiert. Am 4. September schlossen die Expertengespräche im Rahmen der UNO-Waffenkonvention mit einem Schlussbericht ab, der autonome Waffensysteme immerhin definiert und festhält, dass menschliche Kontrolle nötig bleibt. Verbindlich ist nichts davon. Die USA und Russland strichen in der Schlussrunde Verweise auf Entwicklung und Konstruktion solcher Systeme und engten den Text auf das humanitäre Völkerrecht ein. Die Frist von UNO-Generalsekretär Guterres, bis 2026 einen Vertrag zu haben, ist damit verstrichen. 76 Staaten wollen an der Überprüfungskonferenz im November förmliche Verhandlungen erzwingen.
Für die Schweiz ist das mehr als Gastgeberdiplomatie. Genf ist der Ort, an dem seit über zehn Jahren über diese Waffen geredet wird, und die Schweiz, die sich als Hüterin des humanitären Völkerrechts versteht, hat ein vollständiges Verbot stets abgelehnt und stattdessen auf Regeln gesetzt. Man kann das für realistisch halten oder für bequem. Sicher ist, dass die Zeit, in der ein Verbot noch vor der Technik kam, gerade abläuft.
Und dann ist da die Lieferkette, die kaum jemand gern anschaut. Schweizer Firmen dürfen kein Kriegsmaterial in ein Land verkaufen, das in einen bewaffneten Konflikt verwickelt ist; ein hiesiger Zulieferer, der die ukrainische Robotikszene beliefern wollte, käme an dieser Bewilligungshürde nicht vorbei. Nur bestehen Bodenroboter zu einem guten Teil aus Bauteilen, die niemand als Kriegsmaterial führt: Kleinantriebe, spielarme Getriebe, Encoder, Kameramodule, Leistungselektronik. Im Mai warf Wladislaw Wlasjuk, Berater des ukrainischen Präsidenten, der Schweiz vor, neun von zehn russischen Drohnen enthielten Komponenten aus Schweizer Produktion, und nannte fünf Firmen, über die rund 30'000 Lieferungen kriegswichtiger Güter nach Russland gelangt seien. Das Seco antwortete, es handle sich vielfach um Industrieprodukte mit zivilem Verwendungszweck. Das stimmt sogar. Es ist dieselbe Teileliste, die einen Humanoiden eine Kiste heben lässt.
Ob in sechs Monaten tatsächlich ein zweibeiniger Roboter an der Front steht, wird stark davon abhängen, wie grosszügig man den Begriff auslegt. Ein ferngesteuerter Rumpf auf einem Kettenchassis mit zwei Armen erfüllt die Ankündigung schon halb, und die Bilder dazu schreiben sich von selbst. Bemerkenswert ist ohnehin weniger die Frist als das Signal an eine Branche, die ihre Maschinen bisher in Lagerhallen und Autowerken verkauft: Es gibt jetzt einen zweiten Markt, der schneller bezahlt, weniger Zertifikate verlangt und keine fünf Jahre auf eine Norm wartet.
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