Innerhalb einer Woche haben drei chinesische Startups dreistellige Millionenbeträge erhalten, ohne bisher Roboter auszuliefern. Sie entwickeln Modelle statt Maschinen. Wie weit sich das Kapital verschoben hat, zeigt ausgerechnet der Börsenprospekt von Unitree.
Symbolbild · KI-generiertDas Shenzhener Startup Noin Intelligence hat am 10. August eine Angel-Runde über 500 Millionen Yuan bekanntgegeben, umgerechnet 74 Millionen Dollar. Eine Woche früher sammelte Discover Robotics aus Wuxi 100 Millionen Dollar ein und wurde damit zum Einhorn, keinen Monat nach einer ersten Runde in ähnlicher Höhe. Auch PokeBot erhielt Anfang August einen dreistelligen Millionenbetrag, und diese Firma gibt es erst seit April. Roboter liefert bisher keine der drei aus.
Das Kapital verlagert sich also vom Blech ins Hirn. Wie weit diese Verschiebung geht, zeigt ausgerechnet Unitree im eigenen Börsenprospekt. Vom Erlös seines Börsengangs sind 2,02 Milliarden Yuan für die Entwicklung der Modelle vorgesehen, während für den Roboterkörper nur 1,11 Milliarden übrig bleiben.
Discover Robotics ist aus dem Intelligent Industry Research Institute der Tsinghua-Universität hervorgegangen und hat sich anschliessend mit Ingenieuren verstärkt, die zuvor bei DJI gearbeitet haben. Vorgestellt hat die Firma bisher vor allem Software. Ein hierarchisches Grundmodell namens ORION soll die Steuerung übernehmen, während ein System namens LOOP echte und simulierte Bewegungsdaten in einen gemeinsamen Kreislauf bringt. Verkauft wird daneben ein sehr leichter Sechsachs-Arm, der ohne externen Schaltschrank auskommt und mit 24 Volt läuft. Dieses Gerät ist weniger ein Produkt als ein Werkzeug, denn wer damit arbeitet, erzeugt genau jene Bewegungsdaten, die das Modell später braucht.
Noin Intelligence nähert sich derselben Idee von der anderen Seite. Das Unternehmen arbeitet an einem generativen Weltmodell mit dem Namen GLOW und baut dazu einen Haushaltsroboter, der sich auf weniger als vierzig Zentimeter Höhe zusammenfalten lässt. Das Gerät wiegt rund fünfzig Kilogramm und trägt mit seinen beiden Armen zusammen sechs Kilogramm. Wäsche falten und aufräumen sind die Aufgaben, die der Hersteller dafür nennt. Interessanter als die Mechanik ist allerdings die Arbeitsteilung dahinter. Das Denken läuft in der Cloud, während die eigentlichen Bewegungsbefehle auf dem Gerät selbst ausgeführt werden. Ob eine solche Aufteilung in einer Wohnung mit Kindern und offenen Schranktüren zuverlässig funktioniert, hat bisher niemand ausserhalb der Firma überprüft.
Am plakativsten tritt PokeBot auf. Die Firma wurde im April gegründet und hat seither zwei Finanzierungsrunden abgeschlossen, angeführt von Shunwei Capital und Matrix Partners. Auch Xiaomi hat sich strategisch beteiligt. Bekannt geworden ist PokeBot durch ein Video, in dem ein Roboter in neun Minuten selbständig Mapo Tofu zubereitet. Über die Zuverlässigkeit im Alltag sagt eine solche Vorführung nichts aus. Sie beantwortet aber die Frage, die Investoren derzeit am meisten beschäftigt, nämlich ob ein System eine lange Kette von Handgriffen durchhält, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.
Die Zahlen im Hintergrund sind eindeutig. Nach Erhebungen der Plattform ITjuzi flossen im ersten Halbjahr 2026 rund 93,5 Milliarden Yuan in Chinas Sektor für verkörperte Intelligenz, verteilt auf 322 Abschlüsse. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum hat sich das Volumen damit verfünffacht. Gleichzeitig wurden weltweit etwa 19'100 humanoide Roboter ausgeliefert, nach 5100 im Jahr davor, und mehr als 97 Prozent davon stammten von chinesischen Herstellern. Die Auslieferungen wachsen also schnell. Das Kapital wächst schneller.
Genau darin liegt das Risiko. Wer einer erst im April gegründeten Firma dreistellige Millionenbeträge anvertraut, kauft keine Umsätze, sondern eine Vermutung über die nächsten fünf Jahre. In China verstärkt die Politik diesen Effekt zusätzlich, weil der fünfzehnte Fünfjahresplan die Robotik ausdrücklich zur Priorität erklärt hat und staatsnahe Fonds entsprechend mitziehen. Bei Discover Robotics sass neben IDG Capital denn auch ein städtischer Industriefonds aus Wuxi mit am Tisch. Diese Mischung sorgt für Tempo. Für eine strenge Auslese sorgt sie nicht.
Für europäische Anbieter ist das eine unbequeme Nachricht, weil sich der Wettbewerb auf ein Feld verlagert, auf dem Geld mehr zählt als Ingenieurskunst. Rechenzeit und Trainingsdaten lassen sich in grossen Mengen schlicht einkaufen. Die Schweizer Stärken liegen woanders. Sie zeigen sich in der Präzisionsmechanik und in der Regelungstechnik, und sie zeigen sich in der Forschung an der ETH und an der EPFL, wo Laufroboter und räumliches Verständnis seit Jahren zur Weltspitze gehören. Nur nützt die beste Regelung wenig, wenn das Modell darüber aus Shenzhen stammt und die Schnittstelle einem fremden Anbieter gehört.
Wer hierzulande über die Anschaffung eines Roboters entscheidet, sollte deshalb genauer hinsehen. Es lohnt sich zu fragen, wessen Software in dem Gerät steckt und wo die Betriebsdaten am Ende landen. Vor allem lohnt sich die Frage, ob sich das Modell später austauschen lässt. Das klingt nach einer langweiligen Formalie. Sie entscheidet aber darüber, ob ein gekaufter Roboter in fünf Jahren noch demjenigen gehört, der ihn bezahlt hat.
Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz erstellt und redaktionell geprüft. Das Beitragsbild ist ein mit KI generiertes Symbolbild und kein Pressefoto.