In Ulsan haben 35'000 Hyundai-Angestellte die Arbeit niedergelegt, weil der Konzern 25'000 humanoide Roboter in seine Werke stellen will. In Korea steht noch keiner davon. Genau das ist der Punkt: Die Gewerkschaft will mitreden, solange sie es noch kann.
Symbolbild · KI-generiertAm 20. Juli standen im südkoreanischen Ulsan die Bänder still. 35'000 Beschäftigte legten für vier Stunden die Arbeit nieder, im grössten Autowerk der Welt. Hart verhandelnde Gewerkschaften sind bei Hyundai nichts Neues, das gehört dort seit Jahrzehnten zum Sommer wie die Regenzeit. Neu war der Anlass. Gestreikt wurde gegen eine Maschine, die in koreanischen Werkshallen bisher überhaupt nicht steht.
Gemeint ist Atlas, der elektrische Humanoide von Boston Dynamics. Hyundai hat angekündigt, über 25'000 Stück davon in die eigenen Hyundai- und Kia-Fabriken zu stellen. Der erste bestätigte Einsatz ist nicht Korea, sondern die Metaplant in Georgia, geplant ab 2028, zuerst für das Sequenzieren von Teilen, ab 2030 auch für Montageaufgaben. Für Korea existiert kein Termin. Die Gewerkschaft wartet trotzdem nicht ab.
Was sie fordert, ist in der Geschichte der Autoindustrie ziemlich beispiellos: ein vertraglich festgehaltenes Zustimmungsrecht. Kein humanoider Roboter soll eine koreanische Fabrik betreten, ohne dass die Arbeitnehmerseite vorher zugestimmt hat. Dazu kommen zwei Forderungen, die auf denselben Kern zielen. Produktionsleute sollen vom Stundenlohn auf einen festen Monatslohn wechseln, damit weniger Arbeitsstunden nicht still und leise weniger Geld bedeuten. Und das Pensionsalter soll von 60 auf 65 steigen.
Bei früheren Automatisierungswellen lief es anders herum. Erst kam die Technik, dann verschwanden Stellen, dann wurde über Abfindungen und Umschulungen verhandelt. Die koreanische Metallgewerkschaft dreht die Reihenfolge um. Byun Jun-hwan, ihr Generalsekretär und Chefunterhändler, hat das nüchtern zusammengefasst: Die Schutzmechanismen müssten stehen, bevor der erste Roboter die Türschwelle überschreitet. Bereits im Januar hatte die Gewerkschaft öffentlich erklärt, ohne Vereinbarung komme kein einziger Roboter mit neuer Technologie in den Betrieb.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall, sondern kaltes Kalkül. In Georgia gibt es keine Gewerkschaft, dort hat niemand ein Druckmittel. In Ulsan schon, und dort läuft rund die Hälfte der weltweiten Hyundai-Produktion. Die Teilstreiks vom 13. bis 15. Juli, damals noch zwei Stunden pro Schicht, kosteten nach Schätzungen rund 5000 Fahrzeuge und etwa 200 Milliarden Won, umgerechnet knapp 145 Millionen Dollar. Das trifft einen Konzern, der ohnehin mit einem deutlichen Rückgang beim Betriebsgewinn und mit US-Zöllen kämpft.
Dass ausgerechnet am 20. Juli gestreikt wurde, hat einen zweiten Grund. Am selben Tag lief die vertragliche Frist ab, mit der Hyundai die letzten rund zehn Prozent an Boston Dynamics von SoftBank übernahm, für etwa 325 Millionen Dollar. Seither gehört die Robotikfirma vollständig zum Autokonzern. Die letzte externe Stimme im Verwaltungsrat ist weg, und mit ihr die letzte Bremse beim Tempo des Ausbaus.
Technisch ist nachvollziehbar, warum die Belegschaft nervös wird. Der neue Atlas ist rund 1,9 Meter gross, wiegt etwa 90 Kilogramm und hat 56 Freiheitsgrade. Er hebt kurzzeitig 50 Kilogramm und arbeitet mit wechselbaren Akkus rund um die Uhr. Vor allem aber wird er nicht mehr programmiert, sondern trainiert: Bewegungen werden von Menschen im Motion-Capture-Anzug vorgemacht, in Millionen Simulationsläufen verfeinert und dann auf die reale Maschine übertragen. Eine neue Aufgabe soll so innert eines Tages sitzen. Ein klassischer Schweissroboter kann eines sehr gut und sonst nichts. Dieser hier lässt sich umbuchen wie ein Mitarbeiter.
Hyundai widerspricht der Verdrängungslogik. Vizechef Jaehoon Chang argumentiert, die Leute würden Roboter anlernen, überwachen und warten, also anspruchsvollere Arbeit übernehmen. Kann sein. In einzelnen Hallen wird das stimmen, in anderen kaum. Unbeantwortet lässt der Konzern bisher die simple Rechnung der Gewerkschaft: Für einen Betrieb rund um die Uhr braucht es drei Menschen und einen Roboter.
Bemerkenswert ist, dass Hyundai bereits Anfang Juli einen Schritt gemacht hat, der untergegangen ist. In der zwölften Verhandlungsrunde akzeptierte das Management ein Konsultationsrecht der Gewerkschaft bei neuen Geschäftsfeldern, ausdrücklich inklusive künstlicher Intelligenz und Robotik. Vorher galt das nur für den Autobereich. Konsultation ist noch kein Veto, aber es ist auch nicht nichts. Über die eigentlichen Lohnforderungen wurde damals keine Einigung erzielt, und über die Beschäftigungsgarantien bei KI-Themen bis heute nicht.
Dahinter steht ein Regulierungsvakuum. Für gemischte Arbeitsumgebungen aus Mensch und laufendem Humanoiden existiert bislang keine verbindliche Sicherheitsnorm; die ISO 25785-1 für dynamisch balancierende Roboter ist erst in Arbeit. Was in Ulsan verhandelt wird, ist deshalb faktisch Ersatzgesetzgebung am Verhandlungstisch.
Für die Schweiz ist das mehr als eine Fussnote aus Fernost. Unsere Industrie regelt solche Fragen traditionell über Gesamtarbeitsverträge und die Sozialpartnerschaft, nicht über Arbeitsniederlegungen, und im MEM-Sektor gilt seit Jahrzehnten die Friedenspflicht. Der Mechanismus dahinter ist aber derselbe: Wer über die Bedingungen einer Technologie mitreden will, muss das tun, bevor sie im Werk steht. In den Schweizer GAV steht zu humanoiden Robotern bisher praktisch nichts. Bei der nächsten Verhandlungsrunde dürfte das Thema auf dem Tisch liegen.
Was in Ulsan herauskommt, wird weit über Korea hinaus gelesen. Die UAW in den USA verhandelt in absehbarer Zeit über dieselben Fragen bei Tesla, GM und Ford. Gelingt es der koreanischen Gewerkschaft, ein Zustimmungsrecht in den Vertrag zu schreiben, existiert eine Vorlage, die kopiert wird. Gelingt es nicht, hat die Gegenseite ein Argument mehr.
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